Schreiben nach Gehör

Schreiben nach Gehör – Kinder finden diese Methode meistens sehr gut!
Das phonetische Schreiben – besser bekannt als „Schreiben nach Gehör“ oder „Lesen durch Schreiben“ – ist eine Lehrmethode, die an vielen deutschen Grundschulen in fast allen Bundesländern angewandt wird. Die Schüler lernen hierbei, lautgetreu zu schreiben: Sie schreiben also, wie sie sprechen. Als Hilfsmittel wird eine so genannte Anlaut- oder Buchstabentabelle benutzt. Alle Laute werden neben Bildern dargestellt, deren Bezeichnung mit dem Laut beginnt (beispielsweise M für Maus oder H für Hut). Das Schriftbild eines Wortes kann nun anhand der einzelnen Laute zusammengestellt werden, die Beziehung zwischen Buchstabe und Laut erschließen sich die Schüler selbständig. Auf die Rechtschreibung wird dabei bis zur dritten Klasse zunächst kein Wert gelegt.

Die Methode wird seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren an Grundschulen praktiziert und geht zurück auf ein Konzept des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen, der „Lesen durch Schreiben“ im Jahr 1982 veröffentlichte. Reichen zufolge sollte das phonetische Schreiben den Schülern das Schreiben- und Lesenlernen erleichtern. Zudem sollte die Methode lernschwachen Schülern ebenso helfen wie Kindern aus bildungsfernen Schichten und Migranten. Obschon erste Schulversuche Ende der 1990er Jahre mit diesem Konzept nicht dazu führten, dass sich – wie erhofft – die Leistungen der Schüler durch die neue Lehrmethode steigerten, wurde das phonetische Schreiben Anfang der 2000er Jahre in den meisten Bundesländern Teil des offiziellen Lehrplans für Grundschulen.

Mittlerweile legen Studien nahe, dass „Schreiben nach Gehör“ nicht nur die erwünschten Ziele nicht erreicht, sondern diese im Gegenteil teilweise behindert. Ein Vergleich von Schulaufsätzen aus mehreren Jahrzehnten, durchgeführt von Prof. Dr. Wolfgang Steinig (Universität Bonn) beispielsweise ergab, dass Schüler heute mehr Rechtschreibfehler machen als zu Beginn der Einführung dieser Methode. Die Studie IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) zeigt, dass es deutschen Grundschulen zudem nicht gelingt, schwächere Schüler ausreichend zu fördern.

 

Viele Eltern kristisieren das Schreiben nach Gehör

Viele Eltern zeigen sich unzufrieden mit dem phonetischen Schreiben – sie sollen, so die Schulen, die Kinder nicht korrigieren, um sie in ihren Lernerfolgen nicht zu behindern, verstehen aber gleichzeitig nicht, wie diese Lernerfolge sich einstellen sollen, wenn alles offensichtlich falsch geschrieben werde. Immerhin ist das Deutsche keine Lautschrift, wir schreiben nicht so, wie wir hören. Allein durch das Hören kann man die Schreibweise eines Wortes nicht erschließen. Warum also lernen Kinder nach einer solchen Methode?

Befürworter des phonetischen Schreibens betonen, dass es den Schülern mithilfe der Methode deutlich schneller gelänge, schreiben zu lernen.

Sie seien zudem motivierter, gerade weil sie nicht korrigiert würden, und schrieben mithilfe der Anlauttabelle auch Wörter, die sie noch gar nicht gelernt hätten. So entstünden auch bei Erstklässlern schon längere Texte und ganze Geschichten. „Schreiben nach Gehör“ ist eine Methode des selbstgesteuerten Lernens, was bedeutet, dass die Schüler das Schreiben und Lesen in ihrem eigenen Tempo erlernen können, während sie sich bei der herkömmlichen Methode (auch Fibelunterricht genannt) dem Lernfortschritt des Klassenverbandes anpassen müssen.

Kritiker argumentieren jedoch, dass die meisten Schüler frustriert seien, sobald die Rechtschreibung hinzukomme und ihre bisherigen Schreibweisen in Frage gestellt würden. Insbesondere Migrantenkinder hätten große Probleme mit der Umstellung, wenn ab der dritten Klasse plötzlich korrigiert werde, was zuvor stets als richtig galt. Falsch geschrieben Wörter prägen sich ein – und werden auch später noch falsch geschrieben. So entstehen individuelle Rechtschreibschwächen, die zum Teil in die Oberstufen mit hineingeführt werden und nur mühsam wieder abgewöhnt werden können. Dann benötigen viele Schüler zusätzliche Unterstützung, etwa in Form von Nachhilfe, oder durch Übungen mit den Eltern. Weder das eine noch das andere können jedoch alle Eltern leisten, wodurch einigen kritischen Stimmen zufolge die Kluft zwischen den schwächeren und besseren Schülern nur noch größer werde.

Es liegt oft an den Lehrern…

Erfahrungen von Lehrern zufolge ist „Schreiben nach Gehör“ eine Methode, die zwar funktionieren kann, aber nur dann, wenn der Lehrer über viel Fachwissen verfügt und die Methode im Sinne des Erfinders weiterentwickelt, statt auf der Stufe des lautgetreuen Schreibens stehenzubleiben. Etwaige Fortbildungen, um das phonetische Schreiben didaktisch ausgereift vermitteln zu können, sind jedoch zeit- und kostenintensiv – und möglicherweise sinnlos, denn Kritikern zufolge beruht „Schreiben nach Gehör“ gar nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen. Die Theorie Jürgen Reichens beinhaltete beispielsweise, dass sich das Lesen praktisch selbständig entwickele, sobald die Schreibfähigkeit erlernt sei. Allerdings sind die meisten Didaktik-Methoden, die in Deutschland an Schulen eingesetzt werden, wenig oder teilweise sogar gar nicht wissenschaftlich erforscht.

Derartige Kontroversen, Klagen und Beschwerden von Lehrern und Eltern führten dazu, dass das phonetische Schreiben in einigen Bundesländern bereits nicht mehr angewandt wird oder, wie in Hamburg, gar verboten ist. Grundsätzlich können die Schulen entscheiden, nach welcher Methode sie ihren Schülern das Lesen und Schreiben beibringen. Einige Schulen kombinieren das phonetische Schreiben mit Lehrbüchern oder anderen Methoden. In Bayern arbeiten einige Schulen wieder nach der „alten“ Methode, dem regelgetreuen Schreiben. Andere Schulen benutzen zwar das phonetische Schreiben als Basis, korrigieren die Rechtschreibung jedoch sofort oder wenden die Methode zumindest nur in den ersten Monaten bei Erstklässlern an. Eine grundsätzliche Reform, die eindeutig über die Anwendung der Methode entscheidet, ist derweil nicht in Sicht – es wird also weiterhin den Schulen der einzelnen Bundesländer überlassen bleiben, ob und wie sie „Schreiben nach Gehör“ einsetzen.

Bildquelle: bigstock-ID-99034265-by-dolgachov

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